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Frankreich

Die Anziehende

Frankreich ist das Land mit den am genauesten bestimmten Weingebieten. Für viele Wein erzeugende Länder, und für ihre Winzer und Kellermeister gibt Frankreich oder eine seiner Regionen das Modell ab. Die erste Phase der Nachahmung bestand in Plagiaten, die sich wenig um die Weinqualität kümmerten, sondern von dem Ruf und Ruhm des französischen Vorbilds zu profitieren suchten, um die eigene Produktion als Champagner, Chablis oder Beaujolais - um nur die drei Meistimitierten zu nennen - zu vermarkten. Sie ist durch internationale Abkommen vor kurzem praktisch beendet worden. Die zweite Welle, die alle Weinländer der Welt ergriffen hat und jetzt auch in Osteuropa für radikale Veränderungen sorgt, bezieht sich auf die Rebsorten. Denn alle international bedeutenden Rebsorten stammen aus Frankreich, ob Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir oder Syrah, ob Chardonnay oder Sauvignon Blanc. Ihr Ursprung ist zwar oft anderswo, meist im kleinasiatischen Raum zu suchen, aber erst in Frankreich wurden sie zu dem, was sie sind, nämlich Muster für Weinstile, die in allen Ländern immer mehr Nachahmer finden.
Was den Cabernet Sauvignon so anziehend machte und macht, ist nicht die Sorte an sich, sondern der Ausdruck, den er in den Crus Classés des Bordelais gefunden hat. Der Bordeaux-blend bezauberte nicht nur die Weinmacher der Neuen Welt, auch in Europa sorgte er für Inspiration. Für Pinot Noir dienen weltweit nicht die Spätburgunder Deutschlands oder Österreichs als Maßstab, sondern die Grands Crus des Burgund. Es waren nicht der Sangiovese des Chianti, nicht der Tempranillo der Rioja, denen nachgeeifert wurden.

Chablis lieferte weltweit das Muster für frischen, klaren, im Tank vergorenen Chardonnay, während man sich die großen Weißen der Côte de Beaune als Beispiel nahm, wenn man nach kraftvollen, komplexen, im kleinen Eichenfass vinifizierten Beispielen der gleichen Sorte suchte. Bei Weißweinen gibt es außer dem Riesling, der sich bislang - leider nur begrenzt durchsetzen konnte, überhaupt keinen anderen ernst zu nehmenden Vorbilder von so bedeutendem Kaliber wie Chardonnay und in letzter Zeit dem Sauvignon á la Sancerre oder Graves.

Diese Entwicklung ist Bestandteil des aktuellen Austauschs zwischen den Weinländern und hat zu vielen hervorragenden Weinen geführt. Denn es scheint ein schon klassisch zu nennendes Muster zu geben wie zuerst versucht wird, dem französischen Vorbild - so gut es geht - nachzueifern, doch auf dem Weg dahin entdeckt man zunehmend die Eigenheiten der eigenen Weinregion und beginnt nach und nach bewusst einen eigenen Stil zu entwickeln. Nicht zu vergessen sind die hohen Künste und erheblichen Kenntnisse von Winzern und Weinmachern anderer Länder, die wiederum französische Vignerons - insbesondere die neuen Winzergeneration - und Önologen inspirierten und beeinflussten. Nicht zu vergessen ist auch die immer größere Zahl von gelungenen Weinen, an denen die französischen Gewächse sich messen müssen. Die Weinwelt ist auch in Frankreich in Bewegung geraten. 

ZURÜCK ZUR NATUR 

Eine - fast banal klingende - Erkenntnis hat die französische Weinlandschaft völlig verändert. Sie lautet: der Wein wird im Weinberg und nicht im Weinkeller erzeugt. Dazu gehörte zunächst eine neues Verständnis von optimaler Traubenreife, das sich Mitte der 1970er Jahre herauszubilden und in den 1980ern erste Winzer in Bordeaux und Bourgogne zu überzeugen begann. Bis dahin waren die Winzer meist keine Risiko eingegangen und hatten lieber unreife Lesegut eingefahren. Bis dahin waren die Winzer meist nicht das Risiko von eventuellen Schlechtwettereinbrüchen eingegangen und hatten lieber unreife Lesegut eingefahren, statt für eine bessere Qualität länger abzuwarten. Nur in besonders begünstigten Jahrgängen  waren deshalb überzeugende Weine gelungen, nämlich Weine aus reifen Trauben. Diese möglichst in jedem Jahr zu erhalten, war jetzt das Ziel. Einer, vielleicht der Erste, der dies erkannte und in praktische Anweisungen umsetzte, war der Önologe Michel Rolland.
In diese Zeit fallen die ersten spektakulären Erfolge von Cabernets, Pinots und Chardonnays aus der Neuen Welt, die in Vergleichsverkostungen höchst renommierte Crus abhängten. Dem anfänglichen Schock folgten bei den französischen Winzern positive Konsequenzen. Ihr Augenmerk fiel wieder verstärkt auf den Weinberg und die einzelne Rebe, auf die Frage des Ertrags und der Bearbeitung. Noch mehr zum Nachdenken brachte sie der Bodenwissenschaftler Claude Bourguignon, als er den Winzern der berühmten Côte d´Or vorhielt, dass die Sahara lebendigere Böden besäße als die Weinberge ihrer Grand Crus. Allmählich wuchs die Erkenntnis, dass die Spitzenlagen, die so oft gerühmten Terroirs, nur dann dem Wein einen einzigartigen Ausdruck verleihen konnten, wenn der Boden der Weinberge noch lebte und somit eine aktiver Austausch zwischen dem Wurzelwerk der Reben und dem Mineralreich stattfand.

Mehr und mehr Winzer in allen Regionen Frankreichs haben seither Herbiziden, Pestiziden, Fungiziden und Kunstdünger entsagt. Im Zusammenspiel zwischen naturnaher oder gar biologischer Bodenbearbeitung und dem Mut, die optimale Traubenreife abzuwarten, sind seit dem Ende der 1980er Jahre Weine von unglaublicher Güte entstanden. Vor allem die Rotweine begannen ein ganz und gar neues Profil zu zeigen, in der Frucht, samtene Textur, reife Tannine zu den markanten Eigenschaften wurden. Winzer in praktisch allen Regionen Frankreichs haben sich von diesen Prinzipien inspirieren lassen, und zwar auch dort, wo in früheren Jahrhunderten noch keinen großen Terroirs abgesteckt waren. Dieser Prozess hat aber jetzt überall begonnen. Wie einst die Zisterzienser im Mittelalter, so sind die besten französischen Winzerinnen und  Winzer von heute in allen Appellationen dabei, die Qualität ihrer Parzellen zu erforschen, die Spreu vom Weizen zu trennen und die besten Terroirs die Möglichkeit zu eröffnen, sich in ihren Weinen entsprechend auszudrücken.   

(entnommen aus dem vorzüglichen und umfangreichen Werk „Wein" vom André Dominé aus dem Jahre 2000, in Teilen zitiert)