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Bordeaux - Die Vorbildliche

Bordeaux ist mehr als nur ein berühmtes Weinbaugebiet. Es ist Symbol für großen Wein schlechthin, Vorbild für die gesamte Weinwelt. Bordeaux ist die größte, erfolgreichste Appellation Frankreichs und der Welt, die auf mehr als 100 000 Hektar Rebflächen - soviel wie ganz Deutschland - über vier Millionen Hektoliter oder 660 Millionen Flaschen Wein jährlich produziert. Die Eliteweine, die den Ruf des Gebiets in den letzten Jahrhunderten geprägt haben, machen zwar nur bescheidene fünf Prozent davon aus, doch ihre Ausstrahlung ist so stark dass nicht nur der Weinbau der Region davon profitiert. Die gesamte Weinwelt von Italien bis Kalifornien, von Australien bis Österreich, von Chile bis Deutschland orientiert sich an ihrem Stil und ihrer Qualität und lässt sich daran messen. Bereits der römische Dichter Ausonius, der sich im 4. Jahrhundert n.Chr. auf dem Gebiet des heutigen Saint-Èmilion niedergelassen hatte, dokumentierte Weinbau an der Dordogne und kelterte seinen eigenen Wein. Ob es in den Ländereien um Burdigala, das heutige Bordeaux, bereits früher Rebkulturen gegeben hat, ist nicht sicher. Da allerdings weder Plinius der Ältere noch Strabo davon berichten, gehen die Historiker davon aus, dass die Rebe hier erst viel später Einzug gehalten hat, nachdem sie in der Provence und an der Rhone schon heimisch geworden war. Bordeaux diente den Römern ausschließlich als Emporium, als Handels- und Umschlagplatz für den Export ihrer Weine nach England.

Auch die Annahme, dass römische Legionäre die Hauptsorte des Gebiets aus dem heutigen Albanien mitbrachten, erscheint im Licht jüngerer Forschungen fragwürdig. Da man heute weiß, dass Cabernet Sauvignon genetisches Material aus Cabernet Franc und Sauvignon Blanc enthält, ist es wahrscheinlicher, dass er erst sehr viel später als Kreuzung oder spontane Mutation aus diesen beiden Sorten entstand. Hinfällig wird damit auch die Theorie, es handle sich bei ihm um die alte Biturica - nach dem gallischen Stamm der Bituriger -, ein Name, der im Laufe der Zeit zu "Vidure", einer Verballhornung von "vigne dure" für "hartes Rebholz", mutierte und im Graves-Gebiet noch heute geläufig ist.

Die Quellen über die regionale Weinbaugeschichte bleiben auch im frühen Mittelalter spärlich. Belegt ist, dass die Stadt immer wieder von den verschiedensten Volksstämmen - Gascogner, Sarazenen, West- und Ostgoten - erobert und im Jahre 870 von Wikingern sogar total zerstört wurde, der Weinbau in dieser Zeit dennoch nie zum Erliegen kam. Die eigentliche Erfolgsgeschichte der Region begann aber erst 1152, dem Jahr der Heirat Aliénors von Aquitanien mit dem späteren König von England und Herzog der Normandie, Henry II. Plantagenet. Vor allem mit Hilfe großzügiger Zollprivilegien konnte die Gascogne zum bedeutendsten Lieferanten des englischen Hofes und der Londoner Gesellschaft aufsteigen, wobei Bordeaux mit der späteren Einverleibung des Konkurrenzhafens von La Rochelle durch die Franzosen zur unangefochtenen Nummer eins der Weinhandelsplätze wurde.

Die Weine kamen zu jener Zeit noch nicht aus dem Médoc, dem heutigen Herzstück der Region, das bis zum 17. Jahrhundert ein Sumpfgebiet war und sich allenfalls für Ackerbau eignete, sondern von den Schotterböden der Graves und aus den flussaufwärts gelegenen Gebieten Gaillac und Bergerac. Sie waren nicht im Entferntesten vergleichbar mit den kräftigen, dunklen und alterungsfähigen Roten unserer Zeit, sondern eher hell und dünn, was auch den Beinamen "Claret"(vom lateinischen Begriff "vinum clarum") erklärt, den ihnen die Engländer gaben. Bis zum 14. Jahrhundert wurde fast der gesamt Wein, der in England getrunken wurde, aus der Gascogne geliefert. Dieser Export-Herrlichkeit setzte das Ende des Hundertjährigen Krieges im Jahre 1453, als die Gascogne Frankreich zugeschlagen wurde, einen Schlusspunkt. Zum Glück für Bordeaux war jedoch inzwischen Holland zur Weltmacht geworden und übernahm fast nahtlos die Position der Briten.

Mit ihrer riesigen Flotte kontrollierte die Holländer den größten Teil des Welthandels und importierten Weine aus allen Anbaugebieten, vor allem Portugal und Bordeaux. Anfang des 17. Jahrhunderts legten sie auch die Sümpfe des Médoc mit einem ausgeklügelten Kanalsystem trocken und führten die Schwefelung zur Konservierung der Weine ein. Damit waren die Voraussetzungen für die großen Weine späterer Jahrhunderte geschaffen. Es war der Beginn der Gründungsphase der großen Châteaux wie Haut-Brion, Latour, Lafite und Margaux. Aber die holländische Herrschaft über die Weltmeere sollte nicht allzu lange dauern. Bereits im 18. Jahrhundert waren die Engländer zurück in Bordeaux und gründeten Handelshäuser wie Barton & Guestier, in denen bis in die jüngste Vergangenheit die Geschicke des Weinbaus der Region entschieden wurden. Wenig später wurde diese erfolgsträchtige Idee von einer Reihe deutscher Einwanderer aufgegriffen.

Von den Handelshäusern und ihren reisenden Einkäufern, den Courtiers, gingen Anfang des 19. Jahrhunderts auch erste Versuche zu einer Klassifizierung der einzelnen Châteaux aus. Damit sollte Ruhe in den sehr instabilen Markt gebracht werden, der immer die Tendenz hatte, zwischen Überhitzung und Krise zu schwanken. Das Ergebnis dieser Bemühungen, die sich auf das Gebiet des Médoc und auf Sauternes beschränkten, war die berühmt Klassifizierung des Jahres 1855, mit der Châteaux auf der Pariser Weltausstellung desselben Jahres triumphierten - für Bordeaux hatte das "âge d´or", das goldene Zeitalter, begonnen.

AUF UND AB IM ZWANZIGSTEN JAHRHUNDERT

Trotz des enormen Prestiges, das Bordeaux-Weine seit damals genießen und bis heute steigern konnten, war das 20. Jahrhundert eher ein Zeitalter der Krisen. Es begann mit der Reblauskatastrophe, die fast den gesamten Weinbergbestand ruinierte. Nach kurzer Erholungsphase, während der auch die Exporte nach Deutschland, England und Belgien wieder zunahmen und Gesetzte zum Schutz der Herkunftsbezeichnungen ausgearbeitet wurden, führte der Erste Weltkrieg und die Wirtschaftskrise zum Zusammenbruch wichtiger Auslandsmärkte wie Russland oder USA.

Erst in den 1950er Jahren begann die Erfolgskurve der Region wieder nach oben zu zeigen. Es war die Zeit der Nachbarregionen des Médoc. 1953 und 1955 wurden die Weine der Graves und Saint-Émilion klassifiziert - nur Pomerol besitzt bis heute keine offizielle Hierarchie -, und die besten Weine der Region erreichten ein Schwindel erregendes Preisniveau als Folge der stark gestiegenen Nachfrage. Die damit zusammenhängende permanente Weinknappheit suchte der eine oder andere Händler durch Verschnitte mit gebietsfremder Ware zu kompensieren. Die Geschichte flog 1973 auf, der Skandal war groß, und die Preise purzelten wieder in den Keller.

Zur selben Zeit sah sich das Bordeaux-Gebiet durch die wachsende Konkurrenz aus der Neuen Welt bedroht. Gleich mehrfach siegten kalifornische oder australische Gewächse bei hochkarätig besetzten Weinwettbewerben gegen Spitzenprodukte aus Bordeaux, darunter Weine wie der australischen Grange Hermitage oder die des kalifornischen Weinguts Clos du Val, das von Bordelaisern geführt wurde. Die internationalen Mitbewerber trumpften dabei mit Weinen auf, die ähnliche Kraft und Dichte besaßen wie die großen Gewächse von der Gironde, aber weit zugänglicher waren.

Dieser neue Weinstil wurde vom amerikanischen Bordeaux-Spezialisten Robert Parker jr. Dem Wein-Papst der 1980er und 1990er Jahre, so erfolgreich gefördert und gefordert, dass er sich als Parameter für den internationalen Weinmarkt durchsetzte. Um mit den veränderten Anforderungen Schritt halten zu können, mussten die Weingüter des Médoc, von Graves, Saint-Émilion oder Pomerol vor allem in ihren Kellern aufrüsten. Die Vinifizierung wurde im Hinblick auf die Tanninstruktur ebenso verändert wie die Sortenzusammensetzung, in der Merlot zunehmend Gewicht bekam. Bordeaux wurde zum Tummelplatz für technische Neuerungen wie Konzentratoren - Geräte zur Umkehr-Osmose und Vakuum-Verdampfer sind heute in den Kellern auch der berühmtesten Châteaux im Einsatz, und manche Weingutverwalter, griffen sogar zu Methoden, die man lange Zeit den Weinmachern der Neuen Welt angekreidet hatte, wie die Verwendung von Holzchips als Alternative zum teuren Barrique-Ausbau.

(entnommen aus dem vorzüglichen und umpfangreichen Werk "Wein" von André Dominé aus dem Jahre 2000, in Teilen zitiert)

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