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Kalifornien - Die Lebenskuenstlerin

Kalifornien verbreitet ein ganz besonderes Flair und hat bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Die grandiose Landschaft, außerordentlich fruchtbare Täler und ein von der Sonne verwöhntes Klima hinterlassen ihre Spuren bei den Bewohnern: sie finden ihren Ausdruck in der natürlichen Heiterkeit, die das Lebensgefühl einer toleranten, multikulturellen und sich allem Neuen gegenüber aufgeschlossen zeigenden Gesellschaft prägt. Bei allem Erfindungsreichtum, allem Geschäftssinn und aller Produktivität hat man den Spaß am Leben nicht vergessen. Es ist wohl kein Zufall, wenn hier nicht nur die Hippie-Bewegung ihre Wurzeln hatte, sondern auch die elektronische Revolution des Silicon Valley.
Diese Aufgeschlossenheit, das Aufeinanderzugehen, die Verschmelzung unterschiedlichster Einflüsse spiegelt sich auf ebenso verblüffende wie appetitanregende Weise in der kalifornischen Küche, die sich ohne Berührungsängste durch Gerichte sämtlicher Hemisphären inspirieren lässt und sie auf geniale Weise zu völlig neuen Kreationen  vereint. Nicht von ungefähr gediehen die von den spanischen Padres importieten mediterranen Rebstöcke hier auf Anhieb. Denn Wein gehört einfach zu diesem ungezwungenen, kommunikativen und kreativen Lebensstil dazu. So wie sich der Californian lifestyle seit 1970 auf ganz neue Art zu manifestieren begann, so gewann der dortige Weinbau eine völlig neue Dimension. Plötzlich wurde er selbst zum Ausdruck dieser Lebenskunst, und man lernte Wein als etwas Formbares zu begreifen, als etwas kreativ zu Gestaltendes. Seiteneinsteiger, die nicht durch tradierte Weinbauideologien in ihrer Kreativität behindert wurden, reisten kurz entschlossen zu den Quellen des Weinwissens: nach Europa. Sie halfen in Weinbergen und Kellern und sammelten alles an Erfahrungen und Informationen, was auf ihrem Weg lag. Sie leisteten Pionierarbeit auf dem Gebiet einer vinologischen Offenheit, die mittlerweile den gesamten Globus umfasst und einen völlig neue Generation kosmopolitischer Winzer heranwachsen ließ. Zurück in Napa, Sonoma, Benito oder Santa Barbara, setzten sie die gewonnenen Erkenntnisse sofort in die Praxis um, doch angepasst an die eigenen Verhältnisse und Ideen. Dank der typisch kalifornischen Aufgeschlossenheit fanden sie bald heraus, was wirklich der Qualität dient, und korrigierten anfänglich Irrtümer umgehend. Nicht gebunden an überlieferte Gewohnheiten und erstarrte Bestimmungen, steht amerikanischen Winzern und winemakers im Grunde nichts im Weg.  Diese für die anderen Weinländer der Neuen Welt ebenso zutreffende Situation nehmen europäische Kollegen aus klassischen, stark reglementierten Anbauländern mit Neid wahr, und nicht wenige ließen sich selbst zu einem Abenteuer in einem der neuen Weinländer inspirieren.
Neun Zehntel der gesamten amerikanischen Weinproduktion werden heute in Kalifornien erzeugt. Als bevölkerungsreichster Staat der USA, wo man Wein ähnlich perfekt in den Lebensstil integriert hat wie sonst vielleicht nur noch in New York, ist Kalifornien zugleich auch Hauptabnehmer der eigenen Gewächse. Im Unterschied zum  Ostküstenweinbau sind die Weine hier von Anfang an bewusst aus europäischen Edelreben gekeltert worden, und schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden Erzeugnisse aus dem Napa-Tal auf europäischen Wettbewerben mit hohen Auszeichnungen überhäuft.

Sowenig sich das Image Kaliforniens grundsätzlich von dem der berühmten europäischen Regionen unterscheidet - beide beruhen im Grunde auf der Qualität einer überschaubaren Anzahl herausragender Weine -, so wenig weicht das Kaufverhalten amerikanischer von dem europäischen Weintrinker ab. Für sieben von zehn Flaschen geben sie weniger als acht Dollar aus, zwei von zehn kosten bis zu zwölf Dollar, und nur jede zehnte Flasche darf teurer sein. Massenweine halten die marktbeherrschenden Positionen. Man nennt sie jug wines, Krugweine. Sie werden nicht nur offen ausgeschenkt, sondern oft auch in Glaskaraffen abgefüllt verkauft. Blush wines, worunter man leicht süßliche Weiß-oder Rosé-Weine aus dunklen Trauben wie der White Zinfandel versteht, sind besonders populär. Gibt es auch auf niedrigem Qualitätsniveau Tafelweine, die aus mehreren Rebsorten verschnitten werden, so haben sich generell varietal wines, Sortenweine, durchsetzen können, die mindestens 75 Prozent der auf dem Etikett angegebenen Rebsorte enthalten müssen. 

TRAUBENFARMER UND WINEMAKER 

Im Gegensatz zu den meisten Weinländern der Alten Welt, in denen Winzer ihre Weinberge bestellen und ihre eigenen Lese vinifizieren oder sich zu Genossenschaften zusammenschließen, die selbst Wein erzeugen, kommt in Kalifornien der Großteil der Trauben von spezialisierten Farmen. Wineries mit eigenen Rebflächen bilden die Ausnahme. Doch die Dynamik der kalifornischen Weinwelt beruht nicht zuletzt genau darauf, dass im Grunde jeder eine winery gründen kann, auch wenn er keinen einzigen eigenen Weinstock besitzt. Man muss nur eine entsprechendes Gebäude finden oder errichten, in dem man vinifizieren kann, und sich um den Ankauf von gutem Traubenmaterial kümmern. So wird der Einstig leicht gemacht und erfordert kaum Kapital. Viele winemakers die ihr Können erst in größeren Firmen bewiesen haben, wagen daher das Risiko der Selbstständigkeit. Und als Traubenfarmer kann man sein Renommee anheben, wenn ein talentierter winemaker aus der Lese überzeugende Weine vinifiziert.

Daraus ergab sich schon in der Vergangenheit nicht selten eine engere Kooperation, bei der die Farmer auch bereit waren, den Sortenwünschen ihrer Weine machenden Kunden Rechnung zu tragen. „Um gute Trauben zu bekommen, muss man in erster Linie gute Beziehungen haben, und die bauen sich nur über Jahre hinweg auf", konstatiert William Knuttler von der Tria Winery. Und noch immer gelten bei dieser Form von Handel die auf ein bis zwei Jahre ausgestellten Verträge weitaus weniger als ein fester Händedruck. Mittelweile nutzen die „bodenlosen" wineries ihren wirtschaftlichen Erfolg und investieren in eigene Weinberge, um sich für die Zukunft hochwertiges Lesegut zu sicher. Oft ist es allerdings genau umgekehrt: winemakers mit eigenen Rebflächen erzeugen Aufsehen erregende Weine. Dadurch erwecken sie eine Nachfrage, die ihre Produktion bald überstiegt. Um ihr gerecht werden zu können, kaufen sie Trauben zu. Bekannte Erzeuger haben so über die Jahre differenzierte Weinprogramme aufgebaut.

Die Arbeitsteilung zwischen Weinbau und Weinmachen erlaubt den winemakers eine Fülle von Experimenten. Einige der kreativsten unter ihnen lassen es längst nicht mehr bei Standardsorten wie Cabernet und Pinot Noir, Chardonnay und Sauvignon bewenden. Sie haben nicht nur ihre Vorliebe für Rhône-Sorten wie Syrah, Mourvédre, Viognier und Roussanne entdeckt, jetzt sind auch die italienischen Sorten in ihr Blickfeld geraten, und zwar nicht nur Sangiovese, sondern auch Barbera oder gar Teroldego. Grenzen und Entfernungen spielen dabei keine Rolle. Mit Kühllastern werden Trauben über Hunderte von Meilen herbeigeschafft. So gibt es sogar Pinot Noir aus Oregon, der in Santa Barbara vergoren wird.       

(entnommen aus dem vorzüglichen und umfangreichen Werk "Wein" vom André Dominé aus dem Jahre 2000, in Teilen zitiert)

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